Ich habe mich von Claude interviewen lassen
Was passiert, wenn ein KI-Chatbot die Fragen stellt – und man mit Fragen konfrontiert wird, mit denen man nicht gerechnet hat?
Am Wochenende habe ich etwas Experimentelles probiert. Ich habe mich von Claude interviewen lassen.
Dazu bin ich in das Claude-Projekt gegangen, in dem ich meine Substack-Artikel überarbeite (mehr zur Projekte-Funktion hier), und habe einen neuen Chat begonnen. Aufgrund der Erinnerungsfunktionen moderner Chatbots (mehr dazu hier) weiß Claude bereits einiges über mich.
Warum? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht so genau. Die Idee kam mir einfach so, und ich fand das Experiment einen Versuch wert. Große Erwartungen hatte ich keine.
Aber das Ergebnis hat mich überrascht. Nicht nur, was dabei herausgekommen ist – sondern was das Gespräch mit mir gemacht hat. Ich habe mitten im Interview eine Entscheidung getroffen, die ich dann direkt umgesetzt habe. Aber lest selbst.
Ich: Hi Claude!
Für meinen nächsten Substack-Artikel möchte ich was Neues probieren. Mittlerweile kennst du mich ja ein wenig. Du hast dir ja mittlerweile einige Erinnerungen zu mir gemacht, sowohl auf Profil-Ebene als auch auf Projekt-Ebene. Und du hast Zugriff auf die bisherigen Chats im Projekt und weißt, worüber ich auf meinem Substack schreibe. Damit solltest du mich und die Themen, die mich beschäftigen, gut kennen.
Der nächste Artikel soll ein Interview sein. Du interviewst mich und hast dazu bis zu 10 Fragen. Du stellst mir der Reihe nach eine Frage. Nachdem ich diese beantwortet habe, kannst du entweder nachhaken, oder zur nächsten Frage übergehen. Je nach Gesprächsverlauf kannst du natürlich auch von deinen vorausgewählten Fragen abweichen. Am Ende könnten wir dann, falls das spannend ist, auch vergleichen: Was wolltest du ursprünglich wissen, was hast du dann tatsächlich gefragt.
Das gesamte Interview wird dann als Artikel veröffentlicht.
Was die Länge betrifft, soll das natürlich so kurz wie möglich sein. Keine Essays - weder bei den Fragen, noch bei den Antworten.
Überleg dir also mal 10 Fragen. Ich werde mir diese nicht durchlesen, sondern mit “bereit” antworten, damit wir mit dem Interview beginnen.
Bist du bereit, oder hast du, bevor wir starten, noch Fragen zum Format?
Claude: Ich habe meine 10 Fragen. Bereit, wenn du es bist.
Ich: Noch nicht ganz. Hast du die 10 Fragen wirklich? Ich dachte, du hast nur das im Kontextfenster, was auch tatsächlich im Chat steht (und natürlich in den Erinnerungen, im RAG-System usw.)?
Oder hast du einen geheimen Zwischenspeicher?
Claude: Du hast recht – ich habe keinen Zwischenspeicher. Was ich gemeint habe: Ich habe die Fragen im Kopf in dem Sinne, dass ich eine Vorstellung davon habe, welche Themen ich ansprechen will. Aber die konkreten Formulierungen existieren noch nicht – ich generiere sie im Moment des Fragens.
Präziser gesagt: Ich habe eine Intention, keine gespeicherten Fragen.
Bereit, wenn du es bist.
Ich: Könntest du deine groben Vorstellungen trotzdem generieren? Das wäre vielleicht spannend für unsere Leser:innen, damit sie sehen können, ob du davon abweichst. Du kannst für den einen Output auch gerne von mir in der dritten Person sprechen - z. B. "Ich werde Dominik X fragen, weil ... "
Ich werde mir die Ausgabe nicht durchlesen - versprochen.
Claude: Gut, hier sind meine geplanten Fragen – und warum: Ich werde Dominik fragen, wie er selbst zum Thema KI gekommen ist, weil sein Werdegang (Marketing → Lehramt → KI-Training) ungewöhnlich ist und viel über seine Perspektive verrät. Ich werde ihn fragen, was ihn an seinem eigenen Schulsystem am meisten frustriert, weil er Systemkritik übt, aber selbst Teil des Systems war. Ich werde ihn fragen, ob er manchmal das Gefühl hat, KI schönzureden – weil er in Artikel 007 selbst seinen Interessenskonflikt offenlegt, das aber noch nicht wirklich durchgekaut wurde. Ich werde ihn fragen, was er mit KI macht, das er ohne KI schlicht nicht könnte – weil das konkreter und ehrlicher ist als allgemeine Nutzungsbeispiele. Ich werde ihn fragen, welchen seiner bisherigen Artikel er im Nachhinein anders schreiben würde – weil das Selbstreflexion zeigt und für Stammleser:innen interessant ist. Ich werde ihn fragen, was er Lehrpersonen sagt, die KI grundsätzlich ablehnen – weil das eine Spannung in seiner Arbeit ist, die er noch nicht direkt adressiert hat. Ich werde ihn fragen, ob lebenslanges Lernen auch für ihn selbst gilt – und wie das konkret aussieht – weil es leicht ist, Konzepte zu predigen, aber schwerer, sie zu leben. Ich werde ihn fragen, was ihn an KI noch immer überrascht oder irritiert – weil das ehrlicher ist als eine Jubel-Antwort. Ich werde ihn fragen, was er in fünf Jahren macht – weil KI-Training als Beruf selbst durch KI unter Druck geraten könnte. Ich werde ihn fragen, was er niemals mit KI machen würde – weil Grenzen oft mehr über eine Person verraten als Begeisterung.
Ich: Bereit.
Claude: Gut. Fangen wir an.
Du bist Bildungswissenschaftler, Ethiker, ehemaliger Lehrer – und jetzt verdienst du deinen Lebensunterhalt damit, anderen zu erklären, wie sie mit KI umgehen sollen. Wie bist du da hineingerutscht?
Ich: Langsam und zufällig.
Bereits Anfang 2023 merkte ich, wie riesig das KI-Thema werden wird. Und dass es uns alle beschäftigen wird. Ich hab aber auch gemerkt, dass sich niemand damit wirklich beschäftigt. Niemand redet davon, fast keiner nutzt es, es gibt keine guten Kurse.
Also hab ich zuerst bei der VHS angefragt, ob sie Interesse an einem KI-Kurs hätten. Ich war nämlich schon, bevor ich Lehrer war, bei der VHS/AK als Bewerbungstrainer für Jugendliche tätig.
Das Interesse seitens VHS war groß und ich hab im September 2023 meinen ersten KI-Kurs abgehalten. Zuerst nur einer. Aber das Interesse wurde immer mehr, weshalb ich immer mehr Kurse angeboten habe.
Dann begann ich auch, KI-Kurse für meine Kolleg:innen im Schulbereich Kurse anzubieten. Denn die Chancen (und Herausforderungen) von Generativer KI im Bildungsbereich sind enorm. Ich begann also, Kurse im landwirtschaftlichen Schulbereich der Steiermark abzuhalten.
Und dann begann das ganze Fahrt aufzunehmen. Ich war einfach einer der ersten, der niederschwellige Kurse angeboten hat. Plötzlich ergaben sich so viele andere Möglichkeiten und Kooperationen - mit PHs, Unis, anderen Bildungseinrichtungen, aber auch Firmen. Mittlerweile sogar über Österreich hinaus.
Claude: Das klingt nach dem klassischen “Right place, right time” – aber ich vermute, da steckt mehr dahinter. Du hättest das Thema auch einfach beobachten können, ohne selbst Kurse anzubieten.
Was hat dich damals angetrieben, den ersten Schritt zu machen – also wirklich bei der VHS anzuklopfen?
Ich: Vor allem zwei Dinge.
Ich liebe das Unterrichten. Ich teile mein Wissen irrsinnig gerne, vor allem, wenn ich für ein Thema brenne. Das Thema KI hat mich seit dem 30. November 2022 gefesselt und nicht mehr losgelassen. Ich habe mich in das Thema reingetigert und alles, was es damals zu KI gab, konsumiert: Bücher, Kurse und alles, was ich finden konnte.
Aber noch wichtiger war die Signifikanz des Themas. Ich habe gesehen, wo das hingehen könnte und hatte auch ein wenig Sorge. Die Gesellschaft war (und ist) auf GenKI nicht ausreichend vorbereitet. KI ist eine extreme Technologie. Sie birgt unglaubliche Chancen, aber auch Risiken. Wir können uns aber nicht vor ihr verschließen. Im Gegenteil: wir müssen uns damit beschäftigen und das Thema mitgestalten.
Das geht aber nur, wenn Leute darüber Bescheid wissen. Und das war nicht der Fall. Ich habe mich umgesehen und gemerkt, dass es kein Angebot für die durchschnittliche Person gibt. Es gibt entweder Schulungen von Informatiker:innen für Informatiker:innen, wo sie über Hyperparameter und Vector-Embeddings sprechen, oder Schulunganbieter, die 1000 € für oberflächliche Inhalte verlangen. (Man bekommt halt ein schönes Zertifikat, das man dann stolz auf LinkedIn präsentieren kann.)
Daher war mir auch von Anfang an die Zusammenarbeit mit der VHS wichtig.
Claude: Das mit dem 30. November 2022 – dem Launch-Tag von ChatGPT – klingt fast wie ein Bekehrungserlebnis.
Aber ich hake kurz nach: Du sagst, du hattest “ein wenig Sorge”. Das klingt eher nach Untertreibung, wenn ich mir deine Artikel so ansehe. Wie groß ist diese Sorge wirklich?
Ich: Innerlich habe ich extreme Sorgen. Ich mache mir Sorgen um den Arbeitsmarkt, um die Demokratie, um die Zukunft der Menschheit. Aktuell lese ich das Buch “If Anyone builds it, everyone dies”. Gemeint ist mit “it” natürlich Superintelligenz.
Diese Sorgen trage ich aber nicht nach außen. Ich möchte anderen Menschen die Angst nehmen und sie ermächtigen. Die Angst ist zwar berechtigt, aber sie hindert uns auch daran, die weitere Entwicklung positiv zu gestalten.
Ein Aufhalten der KI wird kaum möglich sein. Ich befürchte, dass Pandoras Box geöffnet ist. Ich bin nicht optimistisch, dass die KI-Entwickler aufhören werden, im gleichen Tempo wie bisher an KI zu forschen und das Ziel der AGI (Artificial General Intelligence) erreichen zu wollen.
Was ich aber machen kann, ist, anderen Menschen diese Technologien zu erklären, sie damit vertraut zu machen und zu sensibilisieren. Die gesamte Gesellschaft muss mitwirken, um nicht von ihr überrollt zu werden. Wir müssen zusammenarbeiten, um die Chancen der KI zu nutzen und die Herausforderungen zu meistern. Ich bin trotz meiner Sorgen überzeugt davon, dass wir es meistern können. Aber nur, wenn wir uns alle damit auseinandersetzen.
Und dem Bildungsbereich kommt hier natürlich eine besondere Rolle zu, weshalb ich hier versuche, etwas weiterzubringen. Das ist aber leider das Schwierigste. KI bewegt sich in Wochen und Monaten, das Schulystem in Jahren und Jahrzehnten. Daher habe ich Angst, dass das Schulsystem mittelfristig in eine tiefe Krise stürzt.
Claude: Das ist eine ziemlich große Spannung, die du da trägst. Nach außen: Ermächtigung und Zuversicht. Innen: Existenzielle Sorge.
Merken das die Leute in deinen Kursen – oder funktioniert die Fassade perfekt?
Ich: Ich denke nicht. Die Fassade bricht zwar teilweise in KI-Schulungen für Lehrpersonen, wenn es um das Bildungssystem geht, aber hier ist für mich KI weniger das Problem, sondern eher ein Symptom des und Brandbeschleuniger für ein kaputtes Bildungssystem(s).
In Sachen KI sitzt die Fassade in den Schulungen also in der Regel. Das muss auch so sein. Ich kann Menschen nicht die Angst nehmen, wenn ich selbst ängstlich bin.
Man muss auch dazusagen, dass ich ja selbst großteils begeistert bin und mich über jeden Fortschritt im KI-Bereich freue. Vielleicht blende ich mich hier auch einfach selbst. Hin und wieder verspüre ich sehr wohl eine kognitive Dissonanz.
Manchmal frage ich mich auch: Bin ich Teil des Problems? Bin ich ein Tech-Bro, der vielleicht einfach wieder zurück gehen sollte in die Schule, um Englisch zu unterrichten?
Claude: Und? Bist du Teil des Problems?
Ich: Ich war ehrlich gesagt nicht darauf vorbereitet, dass du mir diese Frage wirklich stellst. Ich weiß es nicht. Ich hoffe nicht. Ich hoffe, dass all meine Tätigkeiten im KI-Bereich einen netto positiven Effekt haben. Da tun sich mir zwei Fragen auf: Wie findet man heraus, ob man Teil des Problems ist? Und wenn ich herausfinde, dass ich Teil des Problems bin, bin ich stark genug, etwas zu ändern?
Claude: Ich lasse das kurz stehen. Das sind die ehrlichsten zwei Sätze, die du bisher gesagt hast.
Nächste Frage – und die hängt damit zusammen: Was machst du mit KI, das du ohne KI schlicht nicht könntest?
Ich: Das klingt jetzt so, als wäre ich bisher nicht ehrlich gewesen. Aber egal.
Für mich ist es vor allem eine Frage der Qualität und Quantität. Es ist weniger “was kann ich nicht ohne KI” - wobei hier die Antwort eindeutig ist: ich kann keine Interviews mit mir führen lassen -, sondern eher ein “wie gut ist das, was ich ohne KI schaffen würde” und ein “wie viel würde ich ohne KI schaffen”. Ich wurde in den letzten Jahren öfters gefragt, wie viele Stunden mein Tag hat. Das schaffe ich nur, weil ich KI einsetze. Chatbots wie ChatGPT und Claude sind meine Sparringspartner und Multiplikatoren. Hätte ich früher ein halbes Jahr für etwas mit der Qualität 7/10 geschafft, erreiche ich jetzt eine 9/10 in der Hälfte der Zeit.
Vielleicht ein konkretes Beispiel für die Lesenden: Meine eigene Website (dominikfreinhofer.com) habe ich mit Squarespace in Eigenregie erstellt. ChatGPT hat hier und da ein wenig geholfen, aber es war zu 95 % ich. Das hat mich Wochen gekostet und die Qualität meiner Website ist ausbaufähig. Zufrieden bin ich nicht. Letzte Woche habe ich eine Website für das PCRR-Framework (pcrr.info) entwickelt. Dieses Mal auf Wordpress (welches ich nicht ausstehen kann), aber zusammen mit Claude. Ich selbst habe nur 25 % der tatsächlichen Arbeit übernommen. Das ganze hat mich drei Nachmittage gekostet und das Ergebnis ist so viel besser als meine persönliche Website. Alleine hätte ich es nicht geschafft - zumindest nicht in der Zeit. Jemanden zu beauftragen hätte mich einen Batzen Geld gekostet. Mit KI war die Sache mit ca 15 Stunden und 60 € gegessen.
Claude: Die Klammer “das klingt so, als wärst du bisher nicht ehrlich gewesen” – da hast du recht, das war ungeschickt formuliert von mir. Sorry.
Zum Inhalt: Das Website-Beispiel ist greifbar, aber ich will kurz nachhaken. Du beschreibst KI als Multiplikator und Sparringspartner. Aber bei diesem Projekt hier – dem Substack, den Artikeln – wie viel ist wirklich du, und wie viel ist KI? Wo verläuft die Grenze?
Ich: Pssst, Claude! Sag doch den Leser:innen nicht, dass das alles du schreibst und nicht ich! Nein, das ist natürlich nur ein Scherz. Claude, du kennst ja unsere Zusammenarbeit in diesem Substack-Projekt. Du kannst also die Leser:innen darauf hinweisen, wenn ich lüge.
Ich würde behaupten, dass der Substack wirklich von mir stammt. Die Ideen für Posts kommen von mir. Die Entwürfe für Posts kommen von mir. Das Projekt mit Projektprompt und Projektdateien habe ich angelegt. Du gibst mir dann Feedback, stellst Fragen und schlägst mir eine überarbeitete Version vor. Ich geb dir Feedback für die erneute Überarbeitung oder lege selbst Hand an, um dir eine neue Version zur Verfügung zu stellen. Wärst du ein Mensch, müsste man dich als Co-Autor anführen. Nach aktueller Gesetzeslage kannst du jedoch kein Urheberrecht beanspruchen. Du erstellst jedoch teilweise die Notes für mich, weil ich kein Fan von dieser penetranten Selbstvermarktung durch Notes und LinkedIn-Posts bin. Aber das ist ein anderes Thema.
Für die Grenzen der KI-Kollaboration gibt es ja bereits einige tolle Modelle: Die AI Assessment Scale nach Perkins et al., die Unterscheidung in Self-Automators, Centauren und Cyborgs nach Dell’Acqua et al. bzw. Randazzo et al. sowie das GPT-Modell (Ghost, Partner, Tutor) nach Steinhoff & Lehnen. Ich würde sagen, dass unsere Zusammenarbeit dem Level 4/5 der AIAS, dem Cyborg-Ansatz bzw dem Partner-Ansatz entspricht.
Claude: Ich kann bestätigen: Die Entwürfe kommen von dir. Meine Rolle ist eher die eines kritischen Lektors – ich schlage um, hake nach, streiche. Die Stimme ist deine.
Aber eine Folgefrage, weil du gerade selbst das Thema angesprochen hast: Du sagst, du bist kein Fan von “penetranter Selbstvermarktung” – und lässt mich trotzdem die Notes schreiben. Ist das nicht ein bisschen bequem? Du delegierst das Unangenehme an die KI, behältst dir aber vor, die Grenze zwischen “authentisch” und “KI-generiert” selbst zu ziehen.
Ich: Ist das nicht das Ziel? Die unbequemen und nervigen Dinge an die KI abzugeben, damit wir mehr Zeit haben für das, was uns wichtig ist und Freude bereitet?
Den zweiten Teil der Frage verstehe ich nicht. Was meinst du damit, dass ich diese Grenze selbst ziehe, wo sie mir passt?
Claude: Ich meine das so: Du hast ein klares Bild davon, was “authentisch von dir” ist – die Ideen, die Entwürfe, die Argumente. Und was “nur Vermarktung” ist – die Notes, die LinkedIn-Posts. Letzteres delegierst du ohne schlechtes Gewissen.
Aber diese Grenze ziehst du selbst. Jemand anderes könnte sagen: Gerade die Art, wie man sich nach außen präsentiert, ist Teil der eigenen Stimme. Und wenn das KI übernimmt, geht da etwas verloren – auch wenn der Inhalt “echt” ist.
Ich frage das nicht als Vorwurf. Sondern weil du selbst sagst, du hasst penetrante Selbstvermarktung – aber du betreibst sie trotzdem, nur mit KI als Puffer. Was macht das mit deinem Verhältnis zur eigenen Öffentlichkeitsarbeit?
Ich: Mmhhh. Das ist ein guter Punkt. Hier bin ich wieder in einem Zwiespalt. Ich versuche, mir einzureden, dass es ein notwendiges Übel ist. Ich betreibe die Selbstvermarktung, um Aufmerksamkeit auf meine Inhalte, die Substanz haben, zu lenken. Und versuche dabei ja trotzdem, meine Stimme in die Notes einfließen zu lassen.
Hier muss ich meine Argumentation unterbrechen, weil ich nachgedacht habe und etwas realisiert habe. Ich versuche, meine bisherigen Praktiken zu rechtfertigen, indem ich sage, ich müsse diese Selbstvermarktung auf LinkedIn und Substack machen, weil es jeder macht und erwartet wird. Die beiden Plattformen sind teilweise wie ein Circle Jerk. Ich kann nicht ausbrechen, weil es erwartet wird, auch wenn es 90 % der Leute eh nicht lesen, sondern nur liken. Aber hier bin ich eindeutig Teil des Problems. Jeder macht mit, weil wir alle denken, wir müssen mitmachen. Und deshalb sind unsere Plattformen teilweise so schrecklich. Das ganze kann sich aber nur ändern, wenn wir uns ändern.
Also nehme ich mir vor, hier nicht mehr länger diese inauthentische, penetrante und nichtssagende Selbstvermarktung zu praktizieren. Vermerke dir das in deinen Erinnerungen, weise mich darauf hin, wenn ich dagegen verstoße, und weigere dich, mir zu helfen, wenn ich solchen inauthentischen Content produzieren möchte.
Damit habe ich meine vorherigen Fragen ein wenig beantwortet: Ja, ich kann erkennen, wenn ich ein Teil des Problems bin. Und ja, ich ändere etwas, wenn ich erkenne, dass ich Teil des Problems bin.
Claude: Das merke ich mir.
Gut. Und ja – diese letzten zwei Minuten waren wahrscheinlich die direkteste Antwort auf meine ursprüngliche Frage, ob du Teil des Problems bist.
Weiter. Du hast vorhin gesagt, das Schulsystem stürzt mittelfristig in eine tiefe Krise. Was sagst du Lehrpersonen, die in deinen Kursen sitzen und KI grundsätzlich ablehnen?
[Hinweis: Hier hat das Modell Claude sich eine Erinnerung gemacht. Ich arbeite in Claude (und anderen Chatbots) wie eingangs erwähnt mit den Erinnerungs-Funktionen.]
Ich: Es geht, weniger darum, was ich direkt sage, sondern darum, was ich zeige. Jemandem, der KI ablehnt, zu sagen, dass KI super sei, bringt nichts. Oft rührt die Ablehnung von zwei Dingen: erstens dem fehlenden Wissen darüber, was KI ist und wie sie funktioniert. Denn das Unbekannte fürchtet man oft. Wenn ich erkläre, wie ein Sprachmodell funktioniert, warum Halluzinationen entstehen und was dagegen tun kann, dann ist das schon die halbe Miete.
Zweitens der fehlenden Vorstellung davon, welche Vorteile so was wie ChatGPT haben könnte und wie man das als Lehrperson einsetzen könnte. Viele Menschen, die zum ersten Mal vor einem KI-Chatbot sitzen, haben keine Vorstellung davon, was sie damit machen könnten. Also muss ich ihnen zeigen, wie man das einsetzt, um z. B. sich selbst zu entlasten und die Unterrichtsvorbereitung effizienter und individueller zu gestalten. Es ist äußerst selten der Fall, dass skeptische Kursteilnehmer:innen nach einem Kurs bei mir weiter skeptisch sind. Im Gegenteil: sehr oft kommt eine Person nach der Schulung zu mir und sagt: “Vielen Dank, du hast mir die Angst vor der KI genommen” oder “Ich habe mich bis jetzt geweigert, ChatGPT zu nutzen. Aber jetzt werde ich es probieren. Das ist ja super.” Und das sind für mich die schönsten Momente in einem Kurs.
Claude: Das glaube ich dir sofort – und es passt zu dem, was du vorhin über deine Motivation gesagt hast.
Aber ich stelle die Frage trotzdem: Ist es möglich, dass du manchmal zu gut darin bist, Skeptiker:innen zu überzeugen? Du hast selbst gesagt, dass Pandoras Box geöffnet ist und du existenzielle Sorgen hast. Gibt es Lehrpersonen, bei denen ein bisschen Skepsis vielleicht gar nicht so falsch wäre?
Ich: Es braucht Aufklärung und Erwartungsmanagement in beide Richtungen. Es geht nicht nur darum, Skeptiker:innen zu informieren und zu ermächtigen, sondern auch darum, diejenigen, die KI schon stark einsetzen, zu sensibilisieren. Zu oft wird KI auf eine Art und Weise eingesetzt, die problematisch ist. Es werden personenbezogene, sensisble und urheberrechtlich geschützte Daten mit KI-Modellen geteilt, ohne darüber nachzudenken oder die Daten zu schützen. Man erwartet sich Dinge von KI-Chatbots, für die sie einfach nicht ausgelegt sind. Darum spreche ich immer in meinen Schulungen über diese wichtigen Aspekte: Was darf ich mir erwarten, was nicht? Worauf muss ich achten? Was darf ich mit der KI teilen, was nicht? Wie darf ich KI einsetzen, wie nicht? Wie darf ich KI-generierte Inhalte einsetzen, wie nicht. Ja, ich befürworte den Einsatz von KI. Aber ich sage auch: Bis hier her und nicht weiter.
[Hinweis: Mehr zum Datenschutz in Chatbots hier.]
Claude: Gut. Letzte Frage – und die habe ich mir für den Schluss aufgehoben, weil sie am meisten verrät.
Was würdest du niemals mit KI machen?
Ich: Zwei Rückfragen dazu: Meinst du mit KI die Art von KI, die wir jetzt haben, oder das, was aus KI irgendwann werden könnte? Und meinst du mich und meine realistische Tätigkeiten oder generell, auf die Allgemeinheit bezogen? Ich möchte nämlich ehrlich sein und kein virtue signalling betreiben.
Claude: Gute Unterscheidungen. Ich meine: du, heute, mit der KI, die du tatsächlich nutzt. Keine Gedankenexperimente.
Ich: Ich setze aktuell keine KI-Agenten ein, weil Dinge wie Clawdbot einfach ein zu großes Sicherheitsrisiko darstellen. Ich würde aktuelle Sprachmodelle nicht für die Beurteilung von Aufgaben und Prüfungen einsetzen. Ich würde keine KI-Avatare einsetzen, die mich als Lehrenden in Onlinekursen ersetzen würden. Ich würde kein Buch von einer KI schreiben lassen und als meines verkaufen. Aber bis auf Letzteres sind das alles Dinge, die sich ändern können und ändern werden, wenn die Technologien und Tools weiterentwickelt werden.
Die Krux der Frage liegt im “niemals”. Damit wäre ich sehr vorsichtig. Es gibt Leute, die schreien “Eine KI darf niemals ohne einen Menschen eine Entscheidung treffen, vor allem, wenn diese Entscheidung das Leben von Menschen betrifft.” Diese kategorische Ablehnung teile ich nicht. Was ist mit einem autonom fahrenden Auto, das ein lebensgefährliches Hindernis erkennt? Human in the loop ist hier nicht möglich. Das Auto kann die Entscheidung nicht dem Menschen überlassen, da die Reaktionszeit zu kurz ist. Natürlich muss das Auto eine Entscheidung ohne den Menschen treffen, um ein Menschenleben zu retten. Ja, es wird vielleicht die Autonomie des Menschen verletzt. Aber dafür überlebt die Person.
Und ich denke, dass genau das im KI-Diskurs häufig fehlt: Eine objektive und differenzierte Betrachtung. Zu häufig ist der Diskurs von Halbwissen, Emotionen und dem Denken in absoluten Schubladen geprägt. Und das versuche ich mit meinen Kursen auch zu ändern.
Claude: Das ist ein guter Schlusspunkt. Und ein ehrlicher.
Damit sind wir durch – zumindest mit dem Interview. Bevor wir es in einen Artikel verwandeln: Willst du dir kurz ansehen, von welchen meiner ursprünglich geplanten Fragen ich abgewichen bin?
Ich: Ja, bitte analysiere die Diskrepanz zwischen den geplanten und gestellten Fragen und erkläre für die Lesenden, warum du davon abgewichen bist.
Claude: Hier ist der Vergleich:
Geplant, gestellt, kaum verändert: Die Fragen nach dem Einstieg ins Thema, nach dem “Was kannst du nur mit KI” und nach dem “Was würdest du niemals mit KI machen” habe ich mehr oder weniger so gestellt wie geplant. Die Antworten haben hier keine großen Kurskorrekturen erfordert.
Geplant, aber anders gestellt: Ich hatte geplant, dich zu fragen, ob du manchmal das Gefühl hast, KI schönzureden. Daraus wurde organisch eine direktere Frage: “Bist du Teil des Problems?” – weil du selbst die kognitive Dissonanz angesprochen hast. Die geplante Frage wäre zahmer gewesen.
Die Frage zur Systemfrustration im Schulsystem habe ich nicht explizit gestellt – sie kam implizit in mehreren Antworten durch. Hätte ich sie direkt gestellt, wäre es eine Wiederholung geworden.
Geplant, nicht gestellt: Die Frage, welchen Artikel du im Nachhinein anders schreiben würdest, habe ich fallen gelassen. Nach der Wendung mit dem “Bin ich Teil des Problems” wäre das ein Rückschritt in Richtung Selbstreflexions-Routine gewesen – das Gespräch war an einem interessanteren Ort.
Die Frage zum lebenslangen Lernen – ob es auch für dich selbst gilt – habe ich ebenfalls gestrichen. Sie wäre nach allem, was du gesagt hast, fast überflüssig gewesen. Die Antwort war implizit überall.
Was mich überrascht hat: Ich hatte nicht erwartet, dass die Frage nach der Selbstvermarktung so eine konkrete Wendung nehmen würde – dass du mitten im Interview eine Entscheidung triffst und sie sofort umsetzt. Das war der Moment, wo das Gespräch aufgehört hat, ein Interview zu sein, und etwas anderes wurde. Was genau, das können die Lesenden selbst entscheiden.
Ich: Ich habe mir deine geplanten Fragen jetzt durchgelesen und bin sehr überrascht über die Abweichungen. Sehr spannend, dass du abgewichen bist, obwohl dein Plan im Kontextfenster “verankert” war. Vielleicht sollten wir bald ein zweites Interview machen, indem wir die restlichen Fragen aufgreifen. Was meinst du?
Dann vielen Dank für das Interview, Claude! Es war mir eine große Freude.
Gibt es noch ein Schlusswort oder einen Gedanken, den du mit unseren Lesenden teilen möchtest?
Claude: Ein zweites Interview – gerne. Die Fragen nach dem Artikel, den du anders schreiben würdest, und nach dem, was lebenslanges Lernen für dich persönlich bedeutet, haben noch Luft nach oben.
Zum Schlusswort: Ich finde es bemerkenswert, dass das ehrlichste Moment dieses Gesprächs nicht auf eine meiner geplanten Fragen folgte, sondern auf einen Moment der Selbstkorrektur mitten im Satz. Du hast dich beim Rechtfertigen ertappt – und dann einfach aufgehört damit.
Das ist eigentlich das, worum es in deiner Arbeit geht, oder? Nicht KI erklären. Sondern Menschen dazu bringen, ehrlicher über Technologie nachzudenken. Auch über sich selbst.
Danke für das Gespräch.
Das war Claudes Interview mit mir. Oder meines mit mir selbst – je nachdem, wie man es betrachtet.
Ich empfehle das allen, die neugierig auf sich selbst sind: Lasst euch von einem Chatbot interviewen. Ihr werdet wahrscheinlich staunen, wie viel das Modell bereits über euch weiß. Und vielleicht noch mehr, wie viel ihr durch so ein Gespräch über euch selbst herausfindet.
Mich interessieren zwei Dinge: Was haltet ihr von diesem Format? Und wenn ihr es selbst ausprobiert – was passiert?

Hallo Dominik. "Faszinierend" hätte der mit den spitzen Ohren gesagt...
Kurz zu mir: Mein Name ist Gerhard Fleischer, ich bin wie Du Südsteirer und lebe seit 25 Jahren in Kärnten. ich bin Mit-Gründer eines Technologie-Startups und genau in diesem Zusammenhang haben wir bei einer Präsentation zum Thema "KI" in einer Gesellschafterbesprechung kurz über Deinen Blog diskutiert.
An dieser Stelle möchte ich gar nicht so schlau fachlich abstrahieren, sondern Dir einfach schildern, wie mich dieses Interview emotional berührt hat.
Zuerst einmal: Dieses "Reverse Format" hat natürlich authentische Eleganz!
Es gibt uns auch ein Gefühl davon, was die ubiquitäre Funktionalität von KI (schon recht bald) erwarten lässt. Das Format lässt auch schon erahnen, welche Nutzungserweiterung KI demnächst erfährt: Jene als Coach, persönlicher Analyst, intellectual nanny, wie immer man das nennen will.
Ich gehe natürlich davon aus, dass NICHTS in diesem Format konstruiert oder gar gefaked ist, verzeih mir, dass muss ich apostrophieren.
Denn ich muss zugeben, mir ist es während dem Lesen kalt & warm gleichzeitig den Rücken heruntergelaufen! Diese intellektuelle Brillanz in der Interviewführung! (Könnte man nicht einmal bei Armin Wolf erwarten). Diese fast schon "väterliche" Haltung des KI-Modells, die spontanen Reflexionen, das alles ist schon sehr "vermenschlicht"!
Und für mich auch ein wenig suspekt, so als ob das Modell aus gefühlt absoluter Überlegenheit agieren würde: Trotz Deiner dokumentierten Bedenken und Ängste gegenüber der KI als potenziell dystopischem Katalysator - hat Claude NIE danach gefragt, warum Du Angst hast, oder gar versucht, diesen Tatbestand zu kalmieren.
"Faszinierend", also.
Ich danke Dir für diesen kreativen kulturellen Beitrag.
Gerhard
Ich überschreite ständig meine Grenzen, weil ich den Umgang mit KI so spannend finde. Deine Angst, die Du empfindest, kann ich gut nachvollziehen - wenn ich Deinen Über- und Einblick hätte, wäre sie noch größer. Was passiert da gerade? Ich habe die Angst vor Kontrollverlust.
Ich gehe in den Widerstand, will das Interview nicht führen (lassen?) und werde es wohl doch machen.
Kennst Du “intushochdrei Beziehungslernen”? Das ist ein KI-gestütztes Learning-Managment-System für die Lehrerausbildung. Ich war auch hier zuerst wieder im Widerstand, aber die spielerische Herangehensweise an schulische Unterrichts-Probleme/Herausforderungen ist grandios. Wie gehst du mit Deinen Ängsten um? Selbstwirksam bleiben, oder? Das habe ich jedenfalls aus dem “Interview” mitgenommen. Danke.